Book of kells

Welche Sprachen wurden bei uns früher gesprochen? Teil II

Eine mögliche Entwicklung der Sprachgeschichte für die deutsch-romanische Schweiz zeigt folgendes Diagramm:

Es geht davon aus, dass nach dem Abzug der Römer um 400 immer noch 90% der Bevölkerung keltisch gesprochen hat. Dies ist natürlich nur eine Schätzung. Sie beruht darauf, dass während der römischen Besetzung nur wenig Germanen zugewandert sind.
Hier ist die Lage der Schweiz anders als die in Deutschland, wo die germanischen Stämme vom sowieso nie römisch besetzten Norden schon im 3. Jahrhundert bis in den Süden gewandert sind.

Die Einwanderung der Alemannen in die Schweiz setzte erst im 6. und 7. Jahrhundert in grössern Zahlen ein. Es konnten auch nicht viele einwandern, da die Schweiz zu römischer Zeit schon dicht bevölkert war. Es gab schlicht gar keinen Platz.

Die meisten Germanen zogen ins Wallis (wo man sie nun Walser nannte) und in andere noch nicht besiedelte Bergregionen.

Im Graubünden war die germanische Einwanderung und offenbar auch der Einfluss der germanischen Kultur derart gering, dass sich aus dem Vulgärlateinischen eine eigene Sprache, namentlich das Rätoromanische bildete!

Grundthesen zur Deutung möglicherweise keltischer Ortsnamen

Wie können die Ortsnamen neu gedeutet werden?

Diese Grundthesen widersprechen zum grössten Teil der traditionellen Ortsnamenkunde. Die meisten von ihnen haben sich im Laufe meiner Deutungsarbeit herausgeschält, es ist also nicht von Thesen im Sinne von vorgestellten Arbeitshypothesen auszugehen. Aber nur dadurch, dass ich schlussendlich diesen Thesen gefolgt bin, konnte ich die keltischen Ortsnamen überhaupt erst neu deuten.

1. Die Basis der Deutung eines Ortsnamen ist die Bestimmung seiner Ursprungssprache. Erst wenn diese bekannt ist, wird kann dessen Deutung erfolgreich sein.

Solange man beispielsweise glaubt, ein Ortsname stamme aus dem Deutschen, obwohl er in Wirklichkeit aus dem Keltischen stammt, ist eine korrekte Deutung unmöglich.

2. Viele Ortsnamen‑Stämme im deutschen Sprachgebiet sind in Wirklichkeit keltisch, und nicht deutsch, wie bisher angenommen wurde.

Dies gilt entsprechend auch für andere europäische Gebiete.

3. Die Römisch-lateinische Ortsnamenform ist für die Deutung ursprünglich keltischer Ortsnamen kritisch zu betrachten.

Der Grund ist, dass sie meist nur ein lateinisches Derivat des ursprünglich keltischen Namens sind, manche waren gar Phantasienamen, die schnell wieder vergessen wurden. So haben die Römer Arbon „Arbor felix“ also „glücklicher Baum“ genannt.
Römisch-lateinische Ortsnamen haben sich in unserem Gebiet nur sehr wenige bis heute erhalten, als Beispiel mag etwa Konstanz dienen.

4. Die Endung des Ortsnamens ist häufig jünger als der Ortsnamen‑Stamm.

Viele keltische Ortsnamen haben eine deutsche Endung erhalten, so wurde zum Beispiel dem keltischen „Thun“ die deutsche Endung „Dorf“ angehängt, was Thundorf ergab, zahllose Ortsnamen erhielten die deutsche Endung -ingen, da sie schon früh germanisiert wurden. 1)Ing oder Ingen wird als althochdeutsch angesehen, sie wurde also vor 1050 vergeben.

5. Bei der Germanisierung der keltischen Ortsnamen sind Ausspracheveränderungen aufgetreten, die bei der Deutung berücksichtigt werden müssen.

Beispielsweise wurde an den Wortanfang vor einen Vokal häufig ein H- gestellt. (Beispiel: Hallwil hiess keltisch Allwil)
Auch die spezifisch deutsche Orthographie muss soweit möglich rückgängig gemacht werden, will man das keltische Ursprungswort erkennen.
Zum Beispiel müssen die spezifisch deutschen Umlaute und Doppelkonsonanten entfernt werden. (Beispiel: Mör-schwil geht auf das Wort „Mor“ zurück)

6. Bei der Analyse der Ortsnamenbestandteile hat sich ergeben, dass das vor allem nördlich der Alpen gesprochene Gallische offenbar mit dem damals in Irland und Schottland gesprochenen Altgälischen recht weitgehend identisch war.

 

Anmerkungen   [ + ]

1. Ing oder Ingen wird als althochdeutsch angesehen, sie wurde also vor 1050 vergeben.
Radverzierung, präkeltisch

Keltisch oder nicht keltisch?

Wie kann man die Ursprungssprache eines Ortsnamens bestimmen?

Klar deutsch sind diejenigen Namen, welche aus in Ortsnamen verwendeten deutschen Worten bestehen. So ist beispielsweise der Name „Kirchdorf“, das Dorf um die Kirche, ganz offensichtlich deutsch.

Allerdings sind in der Schweiz nur ganz wenige Ortsnamen die so offensichtlich deutsch sind, häufiger sind Ortsnamen, die deutsch klingen, aber nicht aus dem Deutschen kommen.

Das klingt auf den ersten Blick seltsam, aber Winterthur stammt eben nicht vom deutschen Wort „Winter“ ab, sondern von einem keltischen Grundwort, da sind sich alle Forscher einig. Und zwar ist man sich deshalb im Klaren darüber, da schon die Römer die Stadt Winterthur „Vitodurum“ genannt haben, und zu römischer Zeit gab es in der Schweiz die deutsche Sprache noch nicht.

Hätte sich diese römische Überlieferung des Ortsnamens von Winterthur aber nicht erhalten, so würden ganz ohne jeden Zweifel alle Toponamastiker Winterthur auf das Wort „Winter“ zurückführen!

Ohne konkrete historische Hinweise gibt es im Grunde nur eine Möglichkeit, um die keltische Abstammung eines Ortsnamens zu überprüfen: der Name wird sowohl als keltischen, wie als germanischen Ursprungs gedeutet, sodann kann entschieden werden, welche Herleitung plausibler ist.

Zinktäfelchen von Bern

Das Zinktäfelchen von Bern neu übersetzt.

Das Zinktäfelchen von Bern wurde im Thormebodenwald in bei der Aare von Raubgräbern in den 1980er Jahren entdeckt. Nur per Zufall ist es in die Hände der Wissenschaft gelangt.  Es misst nur 11 mal 14 Zentimeter und ist heute im bernischen historischen Museum prominent ausgestellt.

Auf dem Täfelchen ist in griechischen Schriftzeichen ein vier Worte umfassender Text in Gallisch eingestanzt. Es ist weit und breit der einzige erhaltene Text in gallischem Keltisch, zumindest aus der antiken Zeit. Es handelt sich also um eine Sensation und um eine ganz einzigartige Gelegenheit, die aus Ortsnamen rekonstruierten gallischen Wörter mit einem Text zu vergleichen.

Beim Text handelt es sich um eine kurze Weiheinschrift der wohl in Zusammenhang mit einem Tempel aus religiösen Gründen geschrieben und dann deponiert wurde.

Der Text auf dem Täfelchen lautet:
ΔΟΒΝΟΡΗΔΟ ΓΟΒΑΝΟ ΒΡΕΝΟΔΩΡ ΝΑΝΤΑΡΩΡ
Die übliche Transliteration in lateinische Schrift lautet:
Dobnoredo Gobano Brenodor Nantaror1)wikipedia.de, Berner Zinktafel, am 11.11.2016
Schon die Transliteration des Textes muss korrigiert werden. Wenn der Schreiber sowohl O wie auch Ω verwendet, so wird er aller Wahrscheinlichkeit nach zwei verschiedene Laute gemeint haben, es sei denn man unterstellt eine rein zufällige Auswahl der Buchstaben, was aber unwahrscheinlich ist.
Wenn der Buchstabe O dem lateinischen O entspricht, dann liegt nahe, dass Ω einen andern Laut darstellen sollte, aller Wahrscheinlichkeit u. So wird Brenodor zu Brenodur, womit das -dur offenbar dem bekannten gallischen Wort „dur“ entspricht.
Entsprechend auch beim Η in ΔΟΒΝΟΡΗΔΟ, es handelt sich wohl um den Lautwert i, da das E in ΒΡΕΝΟΔΩΡ vermutlich für den Lautwert e steht.
Die korrekte Transliteration ist also:
Dobnorido Gobano Brenodur Nantarur

Die Übersetzung im Einzelnen

Dobnorido:

Doppelwort, Dobno vom Stamm Dub = schwarz, dunkel, siehe „dub“ im DIL, gemäss Celtic personal names of Roman Britain (CPNRB) „dubno- = deep, underworld“, hier also: tief unten oder eben: in der Unterwelt.
-rido könnte von mehreren Wörtern her kommen, im Kontext allerdings scheint „ridhe = field, bottom of a valley better righe. See ruighe.“ aus dem schottischen Gälisch, das Wort zu treffen.2)The Highland Society’s [Dictionary of the Gaelic Language], 1828, wie hier gesagt tritt das Wort im Inselkeltischen meist als „rige“ auf, als solches ist es auch im DIL, wo es allerdings als „the act of stretching or distending“ beschrieben wird, das „sich ausdehnende“.
Die Übersetzung als „fahren, reisen“3)Fellmann et al, Das Zinktaefelchen vom Thormebodewald auf der Engehalbinsel bei Bern und seine keltische Inschrift, 1999, AKBE 4A, online unter: https://www.academia.edu/6999462 ist vermutlich falsch, da im Gallischen fahren resp. Weg mit „rot“, „rota“ bezeichnet wurde, wie sich aus diversen Toponymen resp. Hydronymen ergibt. (Bsp.: Rotsee, Rotach)
Es könnte mit diesem ersten Wort also sowohl „das Feld unten“ – das entspräche dem realen Fundort –, als auch die Unterwelt gemeint sein.

Gobano:

Muss „Schmied“ heissen. Im DIL unter gobae aber mit den Formen: gobann, gobha, gabha, gaba, gabann, Gobha. Es kann aber gerade in religiösem Kontext auch der Schmiedgott, der heilige Schmied, gemeint sein.

Brenodur:

Doppelwort, Breno- wohl von braine 1: protruding or prominent part – deutsch: hervorragend, hinausragend. Das Wort wurde aber im Gallischen mit Sicherheit auch (oder nur?) als „Stamm, Holz, Stab, Baum“ gebraucht, wie wiederum diverse Toponyme belegen. (Brenner etc.)
Im Endlicher Glossarium als „prenne = grosser Baum” verzeichnet9, gerade wenn man eher an eine grosse Tanne als an eine Eiche denkt, wird die Bedeutungsverwandtschaft zu Stamm/Stab offenbar.
-dur vgl. DIL dúr = hard, rigid, solid, (hart) in Toponymen wie Solo-thurn als -dur = von harter Mauer geschützte Stadt.
Allerdings könnte Brenodur der keltische Name der Stadt Bern sein, aber nur unter der Voraussetzung, dass es von Berenodur her stammt. Dies wäre möglich, wenn das erste -e- unbetont gewesen wäre, oder der Schreiber es aus andern Gründen weggelassen hat, etwa um Platz zu sparen, oder weil es – wie gesagt – wenig betont wurde.

Eine Abstammung von Bren- hingegen ist nicht möglich, weil dann die Veränderung zu Bern nicht nachvollziehbar wäre.

Nantarur:

Doppelwort, Nanta- = Tal, diese Übersetzung ist unbestritten, die Trennung in Nant- und -arur aber irreführend. Das Wort ist übrigens, abgesehen vom Gallischen, nur im Kymrischen überliefert.
Im Gälischen findet sich nur: nán = small, a dwarf (klein, Zwerg) was auf Nant- als Bezeichnung eines kleinen oder engen Tals hindeutet.
-rur = ruiri (vgl. DIL: „a king, supreme ruler“ also, Herrscher, König, wobei die weibliche Form Herrscherin, Königin nicht ganz auszuschliessen ist.
Einen Zusammenhang mit dem Namen der Aare, wie ihn manche vermutet haben, ist meines Erachtens praktisch ausgeschlossen.

Zusammenfassende Übersetzung

Vorab muss gesagt werden, dass der Fundort des Täfelchens im tief ausgeschnittenen Tal der Aare vor Bern liegt. Dort unten gibt es eine Halbinsel, eine ebene Fläche wo sich eine Schmiedeesse befunden haben könnte. Jedenfalls war dort der heilige Bezirk, in dem das Täfelchen gefunden wurde.
Zum Zweiten ist der Text aller Wahrscheinlichkeit nach im weiteren Sinne ein magischer Text, er sollte dem, der es geopfert oder geweiht hat, etwas bringen. In unserm Fall ist es entweder der Schmied, der etwas will, da er ja der einzige Handlungsfähige ist, oder es ist ein Unbekannter, der an den Schmiedegott appelliert, in seinem Sinne zu handeln.
Zum Dritten fehlt, wenn man meiner Übersetzung folgt, ein Verb, es ist also kein eigentlicher Satz, sondern eher eine vereinfachte Formulierung eines Wunsches.
Ferner ist nicht zu vergessen, dass die ersten zwei Worte genauer und schöner gestanzt sind, als die zweiten zwei. Wie Stefan Zimmer schreibt: „Nach Ausweis ähnlicher lateinischer Inschriften weist dies nach bisheriger Ansicht auf eine Votivinschrift, deren Anfang bereits vorgefertigt war, und die dann nach Wunsch des bzw. der Kunden (Dedikanten) vollendet wurde.“4)Stefan Zimmer: Dobnoredo Gobano Brenodor Nantaror, in Munus amicitiae, Beech Stave Press, 2014 Dies deutet im übrigen auch ganz klar auf einen galloromanischen Entstehungszeitraum – also ab dem ersten Jh. n. Chr.

Rohübersetzung:

Dobnorido Unten auf dem Feld/ In der Unterwelt
Gobano Schmied, Schmiedegott
Brenodur Bern oder harter Stab
NantarurKönig des Tals (Nicht ganz auszuschliessen: Königin des Tals)

Zusammen übersetzt:

Wenn Brenodur der alte Name von Bern ist:

Auf dem Feld unten vor Bern
ist der Schmied der König des Tals.

Dies scheint mir im Moment am plausibelsten. Weitere Übersetzungsmöglichkeiten:

Wenn Brenodur „harter Stab“ bedeutet:

Schmiedegott in der Unterwelt (mach dass)
(mein) harter Stab der König des Tales (ist).

Wenn man den Schmied als Person und nicht als Gott ansieht, wäre die Übersetzung:

Drunten auf dem Feld (ist)
der harte Stab des Schmieds der Herrscher des Tals.

oder gar:
Unten auf dem Feld –
der harte Stab des Schmieds im Tal der Königin.

Schlusswort:

Auch wenn die Übersetzung des Täfelchens nie ganz sicher sein wird, hoffe ich doch, dass wir mit diesem Beitrag in ein vergleichsweise enges Feld möglicher Übersetzungen gelangt sind.

Anmerkungen   [ + ]

1. wikipedia.de, Berner Zinktafel, am 11.11.2016
2. The Highland Society’s [Dictionary of the Gaelic Language], 1828
3. Fellmann et al, Das Zinktaefelchen vom Thormebodewald auf der Engehalbinsel bei Bern und seine keltische Inschrift, 1999, AKBE 4A, online unter: https://www.academia.edu/6999462
4. Stefan Zimmer: Dobnoredo Gobano Brenodor Nantaror, in Munus amicitiae, Beech Stave Press, 2014
Goldschale von Altstetten

Über Namen und Ortsnamen

Namen verbinden die Menschen, wenn ich zum Beispiel erzähle, dass ich mit dem dünnen Dunkelhaarigen an dem Ort war, wo dem Fluss entlang hohe Häuser stehen, so werden mich die Leute verwundert anschauen. Wenn ich aber sage, ich war mit Heinz in Bern, wird sofort alles klar, vorausgesetzt natürlich, dass die Runde Heinz und Bern kennt…

Ob wir vom Finsteraarhorn oder dem Rhein sprechen, die Namen sind ein ganz zentraler Bereich unserer Alltagssprache, und sie sind mit dem Ort, den sie bezeichnen, sozusagen auf ewig verbunden.

Selten ist ein Ortsname leicht verständlich, wie etwa „Tannenwäldchen“, meist ist er alt und kommt aus einer andern Zeit, und vielleicht sogar aus einer andern Sprache.

Der Name eines Ortes verbindet uns immer mit seiner Geschichte, genauer gesagt mit der Zeit in der der Ort seinen Namen bekam. Die Ortsnamen wurden aber nicht in einer abstrakten grauen Vorzeit gegeben, sondern in einem bestimmten Zeitabschnitt, bei einem Ort normalerweise zur Gründungszeit, bei einem Berg oder Fluss ist das etwas schwieriger zu sagen.

Ob dann der Ort dann den „Gründungsnamen“ beibehält oder nicht, also die Frage der Namenskontinuität, ist in jedem Fall zu untersuchen, immer aber hat ein Name eine beharrende Qualität! Sogar wenn die Sprache der Bewohner eines Gebietes sich ändert, bleibt der Name ihrer Stadt und des Hügels daneben, sozusagen an ihnen kleben.

Bei einem Sprachwechsels der Bewohner, wird die Aussprache des nicht mehr verstandenen Ortsnamens der neuen Sprache angepasst, teils wird dazu sogar ein Suffix der neuen Sprache, hier also namentlich aus dem Deutschen, angehängt.

Es hat sich im Laufe meiner Forschungen gezeigt, dass ein Ortsname kaum je ein Phantasiename ist, kaum ein Berg heisst einfach „Pipapo“, fast immer hatte der Name bei seiner Vergabe einen Sinn.

Zwar kann etwa ein Stadtname von dem Gründer derselben her kommen, so etwa im Falle von Karlsruhe. Dies ist aber eine ganz seltene Ausnahme, meist wird bei Ortsnamen die Abstammung von einem Personennamen postuliert, wenn die Ortsnamenforscher schlicht nicht mehr weiter wissen, resp. die Deutung des Namens innerhalb der berücksichtigten Sprachen nicht wirklich möglich ist. So wird Beispielsweise der Ort Menziken auf einen sagenhaften Ritter „Menzo“ zurückgeführt, ohne irgendeinen historischen Hinweis, versteht sich.

Halten wir also fest, ein Ortsname hatte bei seiner Vergabe meist einen Sinn, und er stammt aus der heute oder früher in dem Gebiet gesprochenen Sprache.

Wir müssen also nur wissen, welche Sprachen in einem bestimmten Gebiet gesprochen wurden, und den Ortsnamen auf eine derselben zurückführen und deuten. Dabei müssen wir im Auge behalten, dass beispielsweise das im frühen Mittelalter gesprochene Althochdeutsch, sich doch erheblich von unserem heutigen Deutsch unterscheidet.

Die Anzahl Sprachen, die in einem Land wie der Schweiz gesprochen wurden, ist zum Glück relativ klein, schliesslich wechselt die in einem Gebiet gesprochene Sprache nicht grad alle Tage. Ausserdem stammen die wichtigen Ortsnamen aus dem Mittelalter oder der Zeit davor, lediglich Flurnamen sind im allgemeinen jünger.

Book of kells

Welche Sprachen wurden bei uns früher gesprochen? Teil I

Dies ist die Frage nach der Sprachgeschichte.
Die Sprachgeschichte verläuft je nach Land, ja, je nach Gebiet unterschiedlich.

Aber festzuhalten ist, dass in weiten Teilen Europas die erste greifbare, benennbare und bekannte Sprache das Keltische ist. Das Keltische taucht mit den Kelten untrennbar verbunden um 800 v. Chr. auf. Sicher wurde schon vorher eine Sprache gesprochen, aber über sie können wir bloss vage Vermutungen anstellen, etwa dass sie wohl eine indogermanische Sprache war.

Wenn man die Leute auf der Strasse fragte, welche Sprache wurde vor dem Deutschen gesprochen, würde kaum einer die richtige Antwort geben. Aber auch unter Wissenschaftern und in der Toponomastik selber, wird dieser Tatsache viel zu wenig Rechnung getragen.

Hauptphasen der Sprachgeschichte

Die Sprachgeschichte für die Schweiz kann in folgende Hauptphasen eingeteilt werden, die Zeitangaben sind als ungefähr anzusehen.

Geschichtsphase (Sprachphase)dauerte bis umSprache
Präkeltische Zeit800 v. Chr.???
Rein Keltische Zeit, entspricht der Eisenzeitum 0 Keltisch
Galloromanische Phase, Kelten unter um 400Keltisch, Lateinisch oder "Galloromanisch"?
Spätantike1)früher eher Völkerwanderungszeit genannt, heute häufig dem Frühmittelalter zugeordnet.um 700Keltisch oder Germanisch oder Vulgärlatein?
Frühmittelalter1050Althochdeutsch, Keltisch?
Hochmittelalter1350Mittelhochdeutsch

Die Gretchenfrage ist, wie lange nach der Eroberung durch Cäsar noch keltisch gesprochen? Es ist erstaunlich, wie wenig diese Frage die Wissenschaft beschäftigt. Als eher skuril würde ich die Auffassung bezeichnen, nach der praktisch sofort nach der Eroberung durch die Römer nur noch Latein oder eine lateinisch-keltische Mischsprache gesprochen wurde, das sogenannte „Galloromanisch“.2)Die Entwicklung einer Mischsprache, einer sogenannten Kreolensprache, ist ein äusserst seltenes Phänomen, welches vor allem in Zusammenhang mit dem Sklavenhandel, etwa in der Karibik auftrat.

Wir dürfen die Tatsache, dass sich die keltische Kultur mit der römischen Kultur zur Gallorömischen entwickelte, niemals mit der Sprache gleichsetzen!

Die Geschwindigkeit, mit der überhaupt römische Kulturelemente von den einheimischen Stämmen übernommen wurde, wird generell überschätzt. Gerade die Helvetier, der Hauptstamm auf dem Gebiet der heutigen Schweiz, waren nicht Untertanen der Römer, sondern Konföderierte. Das heisst, es wurde ihnen ein gewisses Mass an Selbständigkeit weiterhin zugestanden. Das Kurzzeichen der Schweiz ist ja bekanntlich CH, was von Confoederatio Helveticae kommt.

In Zusammenhang mit der Ortsnamenforschung ist wichtig festzustellen, dass die keltischen Oppida, die Hochsiedlungen auf Berg- oder Hügelspitzen an Bedeutung verloren und wohl bald aufgegeben wurden. Man zog ins Tal zu den Verkehrswegen, es entwickelten sich Strassendörfer und Siedlungen entlang der eminent wichtigen Wasserstrassen.

So zog man in Zürich vom Oppidum Uetliberg auf der Uetliberghöhe, in die Gegend des Lindenhof-Kastells an der Limmat unten. Diese Entwicklung gab es bei allen Oppida oder kleinern Höhensiedlungen, es ist mit Sicherheit zum Beispiel auch in Winterthur oder Solothurn passiert.

Die keltische Sprache aber, hat unter der römischen Besatzung sicher weitergelebt! Zwar haben einige Leute Lateinisch gelernt, gerade unter den Adligen und Vornehmen, andere dienten in der römischen Armee in fernen Ländern, wo sie von den Offizieren Latein lernen konnten. Auch war das Lateinische, ähnlich wie heute das Englische Handels- und Verkehrssprache, was ohne Zweifel zu einem Anstieg der Zweisprachigkeit führte. Aber die einheimische Bevölkerung sprach bis zum Ende der römischen Besatzung mit Sicherheit keltisch3)Von den romanischen Sprachen, also etwa dem Französischen, konnte hier noch keine Rede sein, aber es entwickelte sich aus dem klassischen Latein das Vulgärlatein, aus dem sich später die romanischen Sprachen etwickelten.

Doch was geschah nach dem Abzug der Römer? Diese Frage beschäftigt uns im Teil II.

 

Anmerkungen   [ + ]

1. früher eher Völkerwanderungszeit genannt, heute häufig dem Frühmittelalter zugeordnet.
2. Die Entwicklung einer Mischsprache, einer sogenannten Kreolensprache, ist ein äusserst seltenes Phänomen, welches vor allem in Zusammenhang mit dem Sklavenhandel, etwa in der Karibik auftrat.
3. Von den romanischen Sprachen, also etwa dem Französischen, konnte hier noch keine Rede sein, aber es entwickelte sich aus dem klassischen Latein das Vulgärlatein, aus dem sich später die romanischen Sprachen etwickelten.